Märchen von dem Land, in dem zu Sowjetzeiten alles besser war
Es war einmal ein Land, das lag zwischen Russland und Afghanistan, zwischen Usbekistan und China und man nannte es Tadschikistan. Die Menschen in Tadschikistan waren glücklich, denn die Grenze ihres Landes war gleichzeitig auch die Grenze des gesamten mächtigen russischen Reiches. Im Alltag hatte man keine Sorgen, auf den grossen russischen Bruder war Verlass. Er kümmerte sich darum, dass die Felder maschinell bestellt wurden, die Bewässerungssysteme funktionierten und die Strassen befahrbar waren. Im Winter wie im Sommer bekam jeder seine Berufskleidung ausgeteilt, die Kinder trugen stolz ihre Schuluniform in der Schule, für die die Eltern keine Kopeke zahlen mussten. Wurde eine höhere Ausbildung angestrebt bekam man mit dem Studienplatz gleichzeitig einen kostenlosen Wohnheimplatz zugewiesen, nach dem Studium war der auf dich massgeschneiderte Arbeitsplatz schon reserviert. Der ausgezahlte Lohn war minimal, reichte aber für alles, denn das Kilo Kartoffeln war fast umsonst. Die Läden waren stets voll mit den besten Lebensmitteln, das ganze Jahr über bekam man frische Tomaten. Für die vielen zugezogenen Russen gab es stets auch Schweinefleisch zu kaufen.
Doch dann kam der Tag, an dem das schöne Leben ein Ende haben sollte. Mit der Union gingen nicht nur die Russen, auch die Maschinen verschwanden von den Feldern und die grossen Pläne zur Entwicklung des Landes waren plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Der Materialismus kam wie ein Fluch über die Menschen, denen es absurd vorkam, darüber nachdenken zu müssen, wie viel ein Kleid für die Tochter kostet oder ob man die Kinder in die Schule schicken kann. Auch hatten sie nie gelernt, selbst etwas einzufordern, bis anhin hatten sie sich mit den Vorgaben von oben immer gut arrangiert. Innerhalb dieser Vorgaben hatten sie nämlich die grosse Freiheit desjenigen genossen, der sich über sein tägliches Leben und Überleben keine Gedanken machen muss.
Und was ist aus diesem Land geworden? Auf den Feldern arbeiten wieder Menschen, die Lebensmittel in den Läden und auf den Märkten sind saisonabhängig. Infrastrukturen gehen langsam aber sicher kaputt - niemand kümmert sich darum. Wenn sie es sich leisten kann, hält sich eine Familie eine Kuh und legt einen Gemüsegarten an, um in schlechten Zeiten die Kinder zu ernähren. Nostalgisch wird den alten Zeiten gedacht, etwas Neues soll immer dem gleichen, was früher war. Wurde eine Brücke weggeschwemmt, wünscht man sie sich an genau dem gleichen Ort zurück, und je mehr Maschinen im Einsatz sind, je neuer die Technologie, desto mehr wird an das Ergebnis geglaubt. Vor allem die Älteren, deren Recht und Weisheit hier nicht in Frage gestellt werden, können sich nichts anderes vorstellen. Wer weiss - ob mit einer neuen Generation auch ein neuer Geist Einzug halten wird?!



