Archiv der Kategorie ‘Usbekistan‘

Osh, ne Menge Usbeken und ein toter Journalist

turnvater am Donnerstag, den 8. November 2007

Osh ist die zweitgrößte Stadt Kirgisiens, liegt an der usbekischen Grenze und ist Zentrum des kirgisischen Teils des Ferganatals. Die Region ist bäuerlich, d.h. seßhaft geprägt, da sie extrem fruchtbar ist. Im Gegensatz zum nomadischen Norden ist die Bevölkerung daher sehr islamisch verwurzelt. Eine Beobachtung die ich selbst im Sammeltaxi von Osh nach Taschkent machen konnte, eine Usbekin aus Osh die sich auf der engen Rückbank des usbekischen Daewoo mit uns die acht Stunden befand, vergaß nicht regelmäßig zu beten, während ich mich nach der Zeit erkundigte um die Ankunft abschätzen zu können, fragte sie nach um kein Gebet zu verpassen. Dieser islamische Hintergrund hat übrigens auch zwei islamische Bewegungen hervorgebracht, das Islamic Movement of Uzbekistan (IMU) und die Hizb ut-Tahrir. Über das IMU wurde zuletzt bei Kämpfen im Norden von Pakistan berichtet und spielt scheinbar keine große Rolle mehr seid Afghanistan als Rückzugbasis weggefallen ist. Die Hizb ut-Tahrir kennt ihr schon aus meinem Bericht über den Kopftuchstreit in Kirgisien.Der grösste Teil des Ferganatals liegt übrigens in Usbekistan, einschließlich der Stadt Andijan, welche berüchtigt ist für die Vorfälle aus dem Jahr 2005. Vorfälle meint dabei die Erschießung hunderter Einwohner durch das usbekische Regime, was in Europa auch dank des Falles des ehemaligen britischen Botschafters in Usbekistan, Craig Murray, bekannt wurde. Klickt seinen Namen an und ihr werdet zu seinem sehr lesenswerten Blog weitergeleitet.Kurz bevor ich übrigens in Osh ankam wurde dort der usbekische Journalist und Zeitungsherausgeber Alisher Saipov (26) erschossen. Wie die „The Times of Central Asia“ und die taz berichten, war er ein bekannter Kritiker des usbekischen Regimes. Der ermordete Journalist Saipov ist nicht der erste tote Journalist, der sich mit dem Ferganatal beschäftigt, allerdings ein besonders exponierter. Der usbekische Geheimdienst wurde dann auch schnell durch Freunde und Kollegen des Toten als Auftraggeber des Mordes ausgemacht.Der kirgisische Präsident hat darauf die Untersuchung nun zur Chefsache erklärt, mit dem Ergebnis, daß es nun erste Spuren geben soll, die jedoch nicht Richtung Usbekistan sondern Richtung Hizb ut-Tahrir führen. Man darf gespannt sein, wie die Sache sich weiter entwickelt.Hier ein Bild von Osh vom moslemischen heiligen Berg Suleimans Thron um den die Stadt gebaut hat. Dort wo ich stehe soll schon Mohammed gepredigt haben! Allah Akbar

Samarkand, Taschkent und Buchara

turnvater am Dienstag, den 6. November 2007

Ich war in Usbekistan, wo die Seidenstrasse am schönsten ist und der Polizeistaat a la DDR am meisten blüht. Dabei ist mir aufgefallen, daß reisen durch Diktaturen sich langsam zu meinem Hobby entwickeln, zumal ich mich erwische, dass ich die Visabedingungen für Turkmenistan und Pakistan studiere.Eine Diktatur schützt einen übrigens nicht vor Taxifahrern, die immer erstmal losfahren und dann auf die Frage, ob sie das Hotel kennen würden, antworten: „Nein, Taschkent sei sehr groß“ die Strasse „Nein, Taschkent sei sehr groß“ macht es Sinn sechsmal hintereinander rechts abzubiegen „Ja, Taschkent sei sehr groß“.Kein Polizeistaat ist zum Glück Kirgisien, die Polizisten hier sind eher Kleinunternehmer, was ich am meisten bei meinen Ausflügen mit dem alten Renault von Nargizas Vater bemerke. 5 Jahre ohne TÜV ist dann auch nur noch Verhandlungssache.In Kirgisien wird auch immer fleissig gewählt, letzte Woche gab es ein Verfassungsreferendum mit 80 % Wahlbeteiligung. Von diesen stimmten nur 3,7 % gegen die Verfassungs- und Wahlgesetzänderung, welche der Präsident vorgeschlagen hatte, so daß dieser jetzt mit dem neuen Wahlgesetz im Rücken erstmal Wahlen für Dezember ausgerufen hat. Die Parteienlandschaft und die NGOs in Kirgisien hat nun eine Aufbruchbestimmung erfasst, besonders die Partei „Ak Zhol“, welche der Präsident gegründet hat. Leider darf der Präsident laut Verfassung allerdings nicht Mitglied einer Partei sein, daher ist er dann auch kurz vor offizieller Eintragung von „Ak Zhol“ von seinem Amt als Vorsitzender zurückgetreten und läßt seine Mitgliedschaft nun für die Zeit seiner Präsidentschaft ruhen. Anwälte geben scheinbar überall auf der Welt dieselben Tips.Viele Kirgisen die ich treffe sind Mitglied einer Partei, meistens in der, die ihr Arbeitgeber gegründet hat, mit dem Ziel ins Parlament zu kommen. Auf diese Art ist eine Freundin von Nargiza die Schatzmeisterin der Grünen geworden. Sie versicherte mir allerdings, daß weder sie, noch ihr Chef, ein Interesse am Umweltschutz hätten, die Marke „Grüne“ sei aber internatonal angesehen und noch frei gewesen.Ein politisches Thema in Zentralasien und im Wahlkampf ist immer die Gefahr des islamistischen Terrorismus, was wohl teilweise auch instrumentalisiert wird und auch kaum noch vorkommt, da die Deutschen von Usbekistan aus, nun den Norden Afghanistan kontrollieren und für Sicherheit sorgen.Islamisierung (NICHT VERWECHSELN mit ISLAMISMUS dies ist keine GLEICHSETZUNG!!!) gibt es dagegen immer mehr, der saudische zakat macht es möglich und auch viele ethnische Russen haben auf diesem Wege zur wahabitischen Moslemexistenz gefunden. Die Russen besuchen dazu Islamisierungskurse, was, wie mir von einem Teilnehmer berichtet wurde, viel mit weinen(?) zu tun hat.Ethnien, die islamisiert werden können, gibt es hier unbegrenzt: Russen, Kasachen, Kirgisen, Usbeken, Tadschiken, Koreaner, Deutsche, etc.. Die letzten beiden verdanken Ihre Anwesenheit übrigens Stalin und dem Zweiten Weltkrieg. Grösste Gemeinsamkeit aller ist die Vorliebe für Goldzähne und Wodka.Nargizas Vater versucht immer Deutsche für mich zu finden, was teilweise recht unterhaltsam ist. Einmal fuhren wir durch ein gottverlassenes Dorf, als er plötzlich den Geländewagen wendete und ein paar Bauern verfolgte. Goldene Zähne verneinten dann allerdings die Frage, ob es sich bei ihnen um Deutsche handele. Es waren ukrainische Juden. Ich war dennoch beeindruckt, für mich sehen alle Bauern irgendwie gleich aus, auch wenn ich natürlich Asiaten von Europäern unterscheiden kann.Bis Dezember werde ich nun in Kirgisien sein und Russisch lernen, dann geht es wieder zurück nach Deutschland. Ansonsten bin ich gerade auf der Suche nach einem Job in Almaty, da ich dort nächstes Jahr ein paar Monate leben möchte. wenn jemand dazu eine Idee hat, eine Website kennt oder ähnliches, würde ich mich über ne Mail freuen.Bis dannPhilipp

Bilder aus Usbekistan

turnvater am Samstag, den 27. Oktober 2007

Among the Believers

turnvater am Dienstag, den 16. Oktober 2007

Nachdem Literaturnobelpreisträger VS Naipaul in seinem grossartigen Buch „Among the Believers“ die moslemische Welt bereiste ohne in Zentralasien gewesen zu sein, habe ich mir gesagt: “Philipp, dann musst Du es halt selbst machen.“ Also das Referendariat rasch beendet, Sachen gepackt, in den Flieger gesetzt und ab nach Bishkek, wobei es sich dabei um die Hauptstadt Kirgisiens und zufälligerweise auch um den Herkunftsort meiner Freundin handelt. Zentralasien war übrigens mal als sowjetischer Orient bekannt und besteht neben Kirgisien noch aus Tajikistan, Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan, die letzteren beiden Staaten werden von Bishkek aus, Ziele meiner Rundreisen sein. Kleine ethnische Einordnung noch: Bei den Zentralasiaten handelt es hauptsächlich um islamisierte Mongolen, die sich irgendwann mit türkischen Stämmen verbunden haben und dabei deren Sprachen und Sitten angenommen haben. In der gelebten Praxis heisst dies, dass in Zentralasien uralte Mercedes, Audis und BMWs die Strassen bevölkern und zwar vorliebend in grossen Gruppen, die bundgeschmückt sind und wie wild hupen. Begonnen hat meine Reise mit einer Woche Urlaub in Istanbul, der Stadt mit dem grössten türkischen Bevölkerungsanteil der Welt, sozusagen als Eingewöhnung. Kaum dort angekommen, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass zu dieser Zeit gerade das Ramadan- bzw. Ramzanfest war. Hätte ich zwar schon zuhause bei mir in Berlin-Neukölln feststellen können, aber wie leicht verwechselt man einen 99Cent-Döner-Ramazanangebot mit einem 99Cent-Döner-Eröffnungsangebot. Jedenfalls habe ich mich dann von den ganzen fressenden Gläubigen nicht stören lassen und habe tapfer meinen ersten Hamambesuch hinter mich gebracht. Danke noch einmal an Monika und Johannes für die tolle Idee. Für die von Euch die noch nie in einem Hamam waren beschreibe ich mal kurz wie ein solcher Besuch abläuft. Man zahlt einen nicht zu kleinen Geldbetrag, um sich anschliessend mit anderen Touristen in einem grossen Raum mit einer heissen Marmorplatte wieder zu finden. Schon am Eingang dieses Raumes wird man einem kleinen dickbäuchigen, schnäuzertragenden Türken zugewiesen, welcher nun anfängt einen unsanft durchzukneten und abzuwaschen. Super! Anschliessend wird man dann von seinem Bruder(?) noch mal ordentlich eingeseift, bis man sich in Ruhe auf der warmen Platte erholen darf. Als ich ein paar Tage später im Flug von Istanbul nach Bishkek sass, träumte ich dann auch vom Hamam und der Entspannung, welche ich dort gefunden hatte, denn Turkish Airlines Maschinen sind wirklich kein Ort der Entspannung. Nicht zuletzt ist der Slogan der Airline auch „Beyond Expectations“ und selbst wenn ich durch meinen Iranflug mit Turkish Airlines eh wenig „Expectations“ hatte, was Service, Mitreisende und Beinfreiheit anging, wird man doch jedes Mal ein überrascht.  Zum Glück war ich dann irgendwann in Bishkek, wo ich eine Woche blieb, anschliessend ging es dann weiter nach Almaty, Astana und Aktau (alles Kasachstan). Während Almaty eine dubaiartige Stadt ist, wo die Leute hauptsächlich Hummer fahren und Gucci tragen und Aktau eine gottverlassene Ölstadt am kaspischen Meer, war der wirklich Höhepunkt Astana, was auf kasachisch Hauptstadt bedeutet und um welche es sich dann auch handelt. Die ganze Stadt wirkt mit ihren riesigen Hochhäusern, als ob jemand Simcity im Gottmodus gespielt hat, was auch ungefähr stimmt, da es Herr Nursultan Narsabajew im Präsidentenmodus war, der Stadt entwarf. Seine Helfer waren dabei übrigens Stararchitekten und diversen türkischen Baufirmen. Zentrum der Stadt ist der so genannte „Baiterek“-Turm, welcher wie ein riesiger Fussballweltpokal aussieht und in dessen Kuppel man für nur 5 Euro hinauffahren kann. Oben angekommen, legt man dann seine Hand in den vergoldeten Handabdruck von Narsabajew und wünscht sich etwas, während man dies tut sollte dann die kasachische Nationalhymne erklingen. Ich schreibe sollte, weil als ich meine Hand in den goldenen Abdruck drückte nichts erklang. Türkische Baufirmen scheinen sich ebenfalls dem Motto „Beyond Expectations“ verpflichtet zu fühlen. Abends ging es dann in ein Restaurant und ich verspeiste wieder einmal fleissig Pferdefleisch und trank ausgiebig französischen Wein. Nachdem Essen tauchte dann ein Freund von Nargizas Familie auf und als dieser mich fragte ob ich schon einen richtigen Schaschlyk gegessen habe, verneinte ich dies. Dies sollte sich als einer meiner schlimmsten interkulturellen Fehler seid Jahren herausstellen. Eine halbe Stunde später befand ich mich nämlich, immer noch unglaublich satt, in einem anderen Restaurant vor unglaublichen Mengen von Schaschlyk und Lülakebab und musste wohl oder übel weiter essen. Während ich mit dem Essen kämpfte, wurde auch noch eine Flasche Wodka angeliefert. Ich wusste was jetzt kommen würde, eine Unzahl von Trinksprüchen auf die jedes Mal galt einen Wodka zu kippen. Der Tatsache folgend, dass ich bereits ca. eine Flasche Wein und mehrere Bier intus hatte, versuchte ich mich dann nach drei Wodkas mit Bier anzustossen. Dies erboste jedoch unseren kasachischen Gastgeber so sehr, dass er nun anfing zu kontrollieren, ob ich meinen Wodka auch trank und nicht nur hinter meinem Bier versteckte. Ich nutzte daraufhin jede Gelegenheit, den Inhalt meines Wodkaglases mit Wasser auszutauschen. Als ich endlich wieder im Hotel war, fiel ich dann auch stockbesoffen kopfüber ins Bett, nach einer halben Stunde klingelt allerdings plötzlich dass Telefon. In mir stieg eine panische Angst auf, dass er Anruf irgendetwas mit Essen oder Wodka zu tun haben könnte. Zu meinem Glück war es aber nur der übliche Anruf, ob ich noch einen Intimservice wahrnehmen möchte, ich verneinte erleichtert. Inzwischen bin ich zum Glück wieder in Bishkek und Ramadan ist auch vorbei, womit sich das Thema fastenbrechen zum Glück erledigt haben dürfte. Jetzt noch ein paar warnende Worte zum Schluss, was einem in Zentralasien auffällt, ist dass in den Resten der Sowjetkultur überall Moscheen durch türkisches und saudisches zakat finanziert entstehen, Man kann hier sicher sein, dass man im kleinsten Dorf auf einen wunderschönen Moscheeneubau trifft und die Moschee in Almaty, die mein Lonley Planet von August 2007 als grösste Moschee von Kasachstan beschreibt, passt mehrfach in die neuen Moscheebauten von Almaty und Astana herein. Es scheint so als ob es nur zwei Seiten in diesen Länder gibt, entweder Islam oder Gucci und Prada. Um dieses Phänomen zu ergründen, soll mich meine nächste Reise dann auch in das vermeintliche Herzen des zentralasiatischen Islamismus führen: Usbekistan.


Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: